Interview mit Renate Künast

MdB, zum Thema „Betriebsräte & Frauen"

 

Frau Künast, im Prinzip haben Betriebsräte und Politiker einiges gemeinsam: Beide sind gewählt, um die Interessen der „Wähler“ zu vertreten und das (Arbeits-)Leben mitzugestalten. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aufgaben von Betriebsräten?


Künast: PolitikerInnen muss es ebenso wie BetriebsrätInnen darum gehen, dass alle Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können. Für uns Grüne ist Gerechtigkeit immer auch Geschlechtergerechtigkeit. Dieses Anliegen sollte auch für Betriebsräte – männliche wie weibliche! – zentral sein. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Aufstiegschancen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – das sind Themen, die wir nicht den Gleichstellungsbeauftragten allein überlassen können. Dabei geht es nicht um Moral, sondern um knallharte wirtschaftliche Notwendigkeiten. Familienorientierte Personalpolitik ist längst zum Wettbewerbsvorteil geworden. Das müssen auch Betriebsräte noch stärker voran stellen – und ihre Möglichkeiten nutzen, damit der Wandel von unten beginnen kann!

 

Sie selbst sind ja schon sehr lange politisch aktiv. Vor allem als ehemalige Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft haben Sie sicher einige ‚harte’ Verhandlungen erlebt. Was ist wichtig, um Interessen erfolgreich zu vertreten und sich auch gegen eingefahrene Systeme durchzusetzen?

 

Künast: Man muss wissen, was man will und man muss bereit sein, dafür zu kämpfen. Selbstbewusstsein zeigen! Wenn man etwas weiß und kann, sofort den Finger heben. Frauen tun sich mit Wettbewerbssituationen häufig schwer. Auch ich musste erst lernen, wie ich etwas erreichen und umsetzen kann – zum Beispiel, indem ich mir Bündnispartnerinnen gesucht habe. Ich habe mir am Anfang meiner Karriere ja auch nicht vorgenommen, Bundesministerin oder Fraktionsvorsitzende zu werden. Zuerst einmal wollte ich mein eigenes Geld verdienen, etwas Sinnvolles tun, nach Herausforderungen suchen und sie bestehen. Frauen müssen Schritt für Schritt ihren Weg gehen und dürfen dabei keine Angst haben, nach der Macht zu greifen. Wir haben schlicht ein Recht auf die Hälfte von allem!

 

Die Quoten von Frauen in Führungspositionen sowie Gehalts-Statistiken zeigen deutlich, dass Frauen im Berufsleben noch immer nicht mit Männern gleich stehen. Woran liegt es und was kann bzw. muss dagegen getan werden? Von Seiten der Politik? Von Seiten der Betriebsräte?

 

Künast: Die Politik muss den Rahmen setzen und die Betriebsräte vor Ort müssen ihn nutzen und ausfüllen. Wir wollen zum Beispiel endlich ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft. Zentrale Ziele sind Entgeltgleichheit, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und gleiche Aufstiegschancen. Die Unternehmen sollen selbst entscheiden, welche Gleichstellungsmaßnahmen am besten für sie geeignet sind. Wenn dann aber nach zwei Jahren nichts geschehen ist, soll der Betriebsrat eingreifen – dann sind Sie am Zuge!
Ähnliches gilt beim Antidiskriminierungsschutz: Wir haben mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz den Rahmen gesetzt, dass engagierte Betriebsräte für ihre Kolleginnen und Kollegen vor Gericht gleiche Bezahlung erstreiten können. Aber bislang passiert das viel zu selten.

 

Nochmal zum Thema ‚Familie und Beruf’: Trotz positiver Entwicklungen (bspw. Elterngeld) müssen nach wie vor – meist von Frauen – berufliche Nachteile hingenommen werden, wenn eine Familie gegründet wird. Was kann die Politik hier noch tun? Was sollten Unternehmen und auch Betriebsräte selbst leisten?

 

Künast: Wenn wir vorankommen wollen in Sachen Vereinbarkeit, wenn wir wegkommen wollen von der männerbündischen Anwesenheitskultur, dann müssen wir endlich auch mehr Frauen in Führungspositionen haben. Die männliche Monokultur in den Führungsetagen verhindert den Blick auf weibliche Lebenslagen. Präsenzrituale müssen flexiblen Angeboten für Beschäftigte weichen: Arbeitszeitkonten, Angebote während der Elternzeit, Kinderbetreuungsangebote, Auszeiten für Weiterbildung und Familienarbeit für Frauen wie für Männer. Arbeitszeitreduzierung muss ausdrücklich auch in Leitungspositionen möglich sein! – Das alles sind Themen, die Betriebsräte und Betriebsrätinnen einfordern können.

 

Dieses Jahr wurde das Gleichberechtigungsgesetz 50 Jahre alt. Erst ein halbes Jahrhundert ist es also her, dass ein Mann bspw. entscheiden konnte, ob seine Frau arbeiten soll oder nicht. Viel hat sich seitdem bewegt, doch ein Idealzustand ist nicht erreicht. Was sollten Ihrer Meinung nach die nächsten Schritte sein? Wo werden Frauen in 10 Jahren stehen?

 

Künast: Wenn wir es schaffen, die Menschen von unseren Ideen zu überzeugen und verkrustete Strukturen aufzubrechen, dann werden in zehn Jahren für Frauen wie für Männer andere Lebensmodelle möglich sein: Wir Grünen werden durchgesetzt haben, dass in allen Aufsichtsräten mindestens 40 % Frauen sitzen. Wir werden einen flächendeckenden Mindestlohn haben, verbunden mit einem Progressivmodell, das Geringverdiener gezielt von Lohnnebenkosten entlastet. Dadurch werden vor allem viele Frauen, die heute von ihrer eigenen Arbeit nicht leben können, ihre Existenz eigenständig sichern können. Männer werden genauso gern und selbstverständlich Familienauszeiten nehmen wie Frauen und das Leitbild vom männlichen Alleinernährer wird endgültig eingemottet sein – 60 Jahre nach dem Gleichberechtigungsgesetz wird es endlich Realität sein, dass Frauen selbst über ihr Leben entscheiden können.